Von Detlef Flintz
27.2.2025. Anschlag auf die Leistungselite oder ein längst überfälliger Finanzierungsbeitrag der Reichen zum Gemeinwesen? Mit der Vermögenssteuer wird gerade Klassenkampf gemacht. Dabei führt ein nüchterner Blick zu einem ziemlich klaren Ergebnis: Es spricht viel mehr dafür als dagegen. Hier ist der Vermögenssteuer-Check, Schritt für Schritt. Gemacht für alle, die sich schnell und seriös zugleich schlau machen wollen.
Beginnen wir ganz einfach: Polizei? Schulen? Straßen und Schienen? Alles ohne Steuern nicht denkbar. Ohne sie kein funktionierendes Gemeinwesen. Die Wissenschaft stellt dazu eine Reihe von Anforderungen an eine Steuer, unter anderem:
Hieran muss sich die Vermögenssteuer messen lassen. Sie wird üblicherweise mit einem kleinen Prozentsatz (z.B. 1%) bei besonders Vermögenden auf deren gesamten Besitz von Finanzwerten bis Firmen erhoben, abzüglich von Schulden. Gehen wir die einzelnen Anforderungen durch und starten wir mit der aktuellen Steuerbelastung:
Zu viel, werden viele sagen, und insbesondere die konservativen Parteien erwecken den Eindruck, dass die Wirtschaft immer schlimmer im Würgegriff des Staates steckt. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache:
Zwar steigen die Steuereinnahmen mehr oder weniger Jahr für Jahr, aber das bedeutet noch keine zunehmende Belastung von Bürgerinnen und Bürgern oder der Unternehmen. Denn Einkommen und Produktivität wachsen ebenfalls. Eine Kennziffer, die das berücksichtigt, ist die Steuerquote.
Sie setzt die Steuereinnahmen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (ein Maßstab für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft). Und diese Steuerquote ist in Deutschland seit über sechzig Jahren von leichten Schwankungen abgesehen unverändert: 23 Prozent.
Das sind die Sozialabgaben, etwa für Kranken- oder Rentenversicherung. Zusammen mit den Steuern bilden sie, wieder bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt, die Abgabenquote. Und sie bestimmen, was einem Haushalt vom Brutto als Netto bleibt.
Und hier ist das Bild weniger rosig: Deutschland zählt mit rund 40 Prozent im internationalen Vergleich zur Spitze, während Irland etwa gerade mal mit der Hälfte auskommt. Auch sind die Abgaben - anders als die Steuern - in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Und es wird nicht besser: Zum Jahreswechsel 2025 haben viele gesetzlichen Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge kräftig erhöht.
Nicht also eine zu hohe Steuerlast, sondern aus dem Ruder laufende Sozialabgaben schränken unseren wirtschaftlichen Spielraum ein. Da müsste man unbedingt ran. Denn wenn wir stattdessen dem Staat die Steuereinnahmen nehmen, gefährden wir wichtige Zukunftsinvestitionen, wie etwa in Sanierung und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, in bessere Bildungsangebote oder in die Energiewende. Hinzu kommt: Unser Staat ist jetzt schon unterfinanziert. Siehe auch: Schuldenbremse lösen - ja oder nein?
Zunächst einmal: Eine Vermögenssteuer muss in der Summe für die Bevölkerung keine zusätzliche Belastung sein. Und die aktuelle Steuerlast von 23 Prozent müsste sich nicht ändern. SPD, Grüne, Linke und BSW wollen aktuell die Einführung einer Vermögenssteuer mit Steuerentlastungen insbesondere für Einkommensschwache verbinden. Das zentrale Argument: Die Reichen werden immer reicher, doch die anderen müssen vergleichsweise eine immer höhere Steuerlast stemmen.
So ist die Zahl der Superreichen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar nach einer Erhebung der Boston Consulting Group 2023 weltweit abermals gestiegen. Deutschland ist in der Statistik das hinter den USA und China mit 3.300 solcher Superreicher Dritter.
Diese Multimillionäre zahlen hier aber nicht entsprechend viel an Steuern. Nach einer aktuellen Studie ist die Steuerbelastung faktisch prozentual sogar niedriger als bei Menschen aus dem mittlerem Einkommensbereich. Steuerprivilegien machen’s möglich.
Hinzu kommt, dass es bis 1997 eine Vermögenssteuer gab. Sie wurde nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nur ausgesetzt. Das Gericht hatte moniert, die Besitzer von Immobilien würden aufgrund falscher Bewertungen zu wenig Steuern zahlen. Jahrzehntelange Untätigkeit des Gesetzgebers hatte dann zur Folge, dass die Immobilienbesitzer gar nichts mehr zahlen…
Volle Punktzahl also für die Vermögenssteuer beim Check zur Gerechtigkeit. Nun zur Effektivität. Tatsächlich führen die Gegner einer solchen Steuer immer wieder die hohen Erhebungskosten ins Feld. Von 12.000 zusätzlichen Stellen in den Finanzbehörden war schon die Rede; das Ifo-Institut schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Einnahmen für die Verwaltung draufgehen würden.
Das schreckt ab. Letztlich hängt der Aufwand aber davon ab, wie man eine solche Steuer im Detail gestaltet. Würde sie sich nur an die Reichsten der Reichen richten - wie es etwa die Milliardärssteuer der Grünen vorsieht - hätte man schon jede Menge Erhebungsaufwand gespart. Bei knapp 250 Milliardären wären das geschätzte fünf bis sechs Milliarden Euro Steuereinnahmen mehr, jährlich.
Andere denken viel größer: Eine Vermögenssteuer nach Schweizer Modell - ja, ausgerechnet die Schweiz erhebt eine Vermögenssteuer - würde dem deutschen Staat jedes Jahr rund 70 Milliarden bringen. Zur Einordnung: 35 Milliarden Euro will der Bund 2025 für Erhalt und Ausbau von Schienen, Straßen und Schifffahrtswegen ausgeben. Es dürfte sich also lohnen, über ein Steuermodell mit geringem Verwaltungsaufwand nachzudenken - auch wenn am Ende nicht 70 Milliarden jährlich rauskommen sollten.
Eine Volkswirtschaft ist ein Organismus und bei jedem Eingriff ist mit Nebenwirkungen zu rechnen. Muss beispielsweise ein Unternehmer mehr Steuern zahlen, kann oder will er womöglich weniger investieren. Eine direkte Wirkung der Steuer. Das Ifo-Institut kommt in einer Modellrechnung auf 0,3 bis 0,35 Prozentpunkte weniger an Wirtschaftswachstum.
Andererseits investiert der Staat ja das eingenommene Geld. Egal ob der damit Schulen saniert, die Digitalisierung vorantreibt oder die Stahlproduktion mit Wasserstoff fördert - diese indirekten Wirkungen bringen positive Wachstumseffekte.
Was am Ende überwiegt? Auch dazu gibt es Modellrechnungen. Eine besonders optimistische geht sogar von drei Prozent mehr Wachstum aus. Doch wie es mit Modellen so ist: Sie sind theoretisch, leben von ihren Annahmen und sind meist nicht untereinander vergleichbar. Es ist allerdings wenig seriös, auf einem Auge blind zu sein und nur die negativen direkten Wirkungen dieser Steuer ins Feld zu führen.
Erinnern wir uns an den Anfang des Checks - die Anforderungen an eine Steuer. Und wie gut erfüllt eine Vermögenssteuer nun diese?
Zwei klare Pluspunkte, gepaart mit gewissen Unsicherheiten bei Effizienz und Nebenwirkungen. Der Nutzen überwiegt und die Vermögenssteuer hätte eine Chance verdient. Zumal keine verlässliche Alternative in Sicht ist, die Finanzkraft des Staates zu sichern. Im Gegenteil: Die rechten Parteien wollen Steuersenkungen. Siehe auch: Steuerpläne der CDU - top oder Flop?
Ich bin Detlef Flintz, Wirtschaftsjournalist, Dozent und Politikcoach. Ich finde, in der politischen Kommunikation setzen sich die falschen Leute mit den falschen Botschaften durch. Mehr
Die Grundsätze für eine Besteuerung gehen auf das 18. Jahrhundert zurück (Adam Smith) und wurden insbesondere im vergangenen Jahrhundert von Heinz Haller (Finanzpolitik sowie Die Steuern, jeweils 1961) und Fritz Neumark (Grundsätze gerechter und ökonomisch rationaler Steuerpolitik, 1970) erweitert. Eine kompakte Zusammenfassung liefert: https://www.wirtschaftslexikon24.com/d/steuergrundsätze/steuergrundsätze.htm
Zur Abgabenquote: https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/Ausgabe/2024/03/Inhalte/Kapitel-6-Statistiken/6-1-21-abgabenquoten-im-internationalen-vergleich.html
Recht konkret zur Einführung einer Vermögenssteuer äußern sich in ihren Programmen zur Bundestagswahl Die Linke und das BSW:
https://www.die-linke.de/themen/steuern/vermoegensteuer/
https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-bsw
Ausgesprochen allgemein bleiben SPD und Die Grünen:
https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Programm/2025_SPD_Regierungsprogramm.pdf
https://cms.gruene.de/uploads/assets/Regierungsprogramm_DIGITAL_DINA5.pdf
Etwas konkreter wurde Robert Habeck immerhin hier:
Zur Zahl der Superreichen: https://www.bcg.com/press/10july2024-weltweites-nettovermogen-steigt-wieder-um-mehr-als-vier-prozent
Zur effektiven Steuerlast der Superreichen:
Zur Aussetzung der Vermögenssteuer: https://www.diw.de/de/diw_01.c.412762.de/vermoegensteuer.html
Zum Erhebungsaufwand für eine Vermögenssteuer: https://www.ifo.de/medienbeitrag/2021-09-08/eine-vermoegenssteuer-koennte-toxisch-wirken-deutschland-ist-fuer
Zur Studie über die Übertragung des Schweizer Vermögenssteuer-Modells auf Deutschland hier eine kurze Zusammenfassung:
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